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Geschichte der Musikakademie Kassel Vorlesen

Die Anfänge der heutigen Musikakademie liegen in privaten Einrichtungen, die in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts ein musikalisches Bildungsangebot für die Bürger der Stadt bereit hielten.

Das 1895 von den Schwestern Boyer gegründete Conservatorium Kassel hatte seinen Schwerpunkt im Instrumentalunterricht. Daneben war das Steinsche Conservatorium, 1904 von Kapellmeister Heinrich Stein gegründet, bis zu dessen Tod 1922 von Bedeutung, es bestand bis 1942 weiter. 1909 war es in Spohr-Conservatorium umbenannt worden, nachdem 1908 unter aktiver Mitwirkung Steins die (ältere) Spohr-Gesellschaft gegründet worden war, die bis 1934 bestand; die heutige Louis-Spohr-Gesellschaft konstituierte sich 1952.

Richteten sich die beiden Konservatorien an musikalische Laien, so widmeten sich seit 1912 die Kurse von Fräulein Minna Ritz erstmals der Ausbildung von Privatmusiklehrern, die 1927 im Musikseminar des Reichsverbandes deutscher Tonkünstler und Musiklehrer Ortsgruppe Kassel auf breiterer, berufsständischer Basis fortgeführt wurden.

Zum 1. Oktober 1939 wurden das Kasseler Conservatorium und das Musikseminar, beides bis dahin noch auf Privatinitiative bzw. freiwilligem berufsständischem Zusammenschluss arbeitende Unternehmen zum Konservatorium und Musikseminar der Stadt Kassel zusammengefasst, 1942 kam das Spohr-Conservatorium hinzu. Damit war in Kassel erstmals eine städtische Einrichtung für musikalische Berufs- und Laienausbildung gegeben, eine Struktur, die in vielen anderen deutschen Städten bereits seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts bestand.

Dass musikalische Berufsausbildung Aufgabe eines öffentlichen Instituts ist, gilt heute als selbstverständlich; auch die Idee, Unterrichtsangebote für Laien im Sinne einer Musikschule zu machen, wie es der Begriff "Konservatorium" in den älteren Instituten zum Ausdruck brachte, ist kein Diskussionsgegenstand mehr. Die Gründung entsprach jedoch dem, was im Sprachgebrauch der damaligen Ideologie "Gleichschaltung" hieß und damit jegliche selbstständige Entfaltung eines Musiklehrers ausschaltete. Fred K. Prieberg hat eingehend dargelegt, dass private musikalische Berufsausübung ohne Mitgliedschaft in der Reichsmusikkammer unmöglich war bis zu dem Extrem, dass die verpflichtende Mitgliedschaft selbst für Wandermusikanten ernsthaft erwogen wurde.

Karl Vötterle (1903 bis 1975), Gründer und langjähriger Inhaber des Bärenreiter-Verlags, berichtet in seinem Buch "Haus unterm Stern", wie er im Herbst 1943 unter großen Schwierigkeiten eine Vortragsveranstaltung organisiert hat. Der zuständige Gauleiter hat den Vortrag als Veranstaltung des Geschäftshauses abgelehnt, ihn jedoch stattfinden lassen, da nun die NSDAP alles Vorbereitete übernahm und als Veranstalter auftrat. Daraus ist leicht zu ersehen, dass für einen Musiklehrer praktisch keine Möglichkeit sinnvoller Tätigkeit aus eigener Initiative mehr bestand. Die Gründung des Konservatoriums und Musikseminars der Stadt Kassel war in der Kulturpolitik der Zeit eine conditio sine qua non; der positive Aspekt, die Gründung eines öffentlichen Instituts, wurde durch die Ausschaltung privater Möglichkeiten nivelliert.

Zudem bot der Zeitpunkt der Gründung, vier Wochen nach Ausbruch des zweiten Weltkriegs, kaum Möglichkeiten für eine sinnvolle Aufbauarbeit. Bei dem Angriff auf Kassel am 22. Oktober 1943 gingen die Unterlagen über die Musikakademie (und anderes) im Rathaus und im Stadtarchiv verloren. In der Musikakademie selbst, die den Krieg unversehrt überstand, haben die Bibliotheksbestände der drei Vorgänger-Institute überdauert. Hinweise auf Konzerte haben sich aus den Kriegsjahren nicht erhalten.

Nach den Kriegsjahren wuchs die Bedeutung der Akademie schnell. 1955 wurde das Kasseler Konservatorium durch einen Erlass des Hessischen Ministers für Erziehung und Volksbildung zur "Musikakademie der Stadt Kassel" ernannt.


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